Bitte einer Vollzeit-Oma: Nicht noch ein Enkelkind

Veröffentlicht von Redaktion am

Ich werde Oma! Beim ersten Enkelkind war die Freude übergroß. Helene freute sich, dass sie viel Zeit mit ihrem Enkel verbringen durfte. Dann kamen Enkel zwei und drei – und stolze Oma wurde Vollzeit eingespannt. So viel, dass sie sich oft erschöpft fühlt. Nun ist ihre Tochter zum vierten Mal schwanger – doch Helene kann nicht mehr.

Ich erinnere mich noch daran, wie meine Tochter und ihr Mann vor acht Jahren bei mir in der Küche saßen, mit einem breiten Lächeln im Gesicht. „Du wirst Oma!“, sagten sie. Ich hätte platzen können vor Freude!

Meine Tochter und mein Schwiegersohn waren schon eine Weile verheiratet. Insgeheim hatte ich mir bereits seit einiger Zeit ein Enkelkind gewünscht, aber nichts gesagt. Ich wollte niemanden drängen. Doch nun wurde mein Herzenswunsch erfüllt: Ein Kind war unterwegs und würde bald „Oma“ zu mir sagen. Was gibt es Schöneres?

Täglicher Besuch wurde zum Ritual

Die Geburt meines ersten Enkels Leon war schwierig und meine Tochter nach der Entbindung sehr erschöpft. Da wir nur ein paar Gehminuten entfernt wohnten, war ich in den ersten Tagen fast täglich da, um meine Tochter zu unterstützen. Ich hielt Leon für ein paar Stunden im Arm, sodass meine Tochter schlafen konnte. Das waren für mich wunderschöne Momente. Die Ruhe eines schlafenden Babys, seine Wärme, sein Geruch – ich genoss jeden Augenblick unserer gemeinsamen Zeit.

Und so wurde mein täglicher Besuch ein festes Ritual. Schon nach ein paar Monaten, nachdem meine Tochter abgestillt hatte, schlief Leon das erste Mal bei uns und seine Eltern hatten einmal einen Abend für sich.

Geschwisterchen unterwegs

Zu Leons ersten Geburtstag kam dann die Überraschung: Ein Geschwisterchen ist unterwegs! „Wie schön“, dachte ich, „dann können die beiden zusammen aufwachsen“. Ich selbst hatte nur meine Tochter und es im Nachhinein schade gefunden, dass sie ein Einzelkind geblieben war.

Kurze Zeit später kam Leon in die Krippe. Da meine Tochter vor allem am Morgen mit schwerer Schwangerschaftsübelkeit zu kämpfen hatte, brachte ich Leon in die Kita, um sie etwas zu entlasten. Mir fiel das frühe Aufstehen selbst auch nicht leicht, aber ich machte es gerne. Denn ich wusste aus eigener Erfahrung, wie ermüdend eine Schwangerschaft insbesondere in der ersten Zeit sein konnte.

 

Ein Schreibaby brachte meine Tochter an ihre Grenzen

Das zweite Baby, Milo, krempelte das Familienleben dann noch einmal von Grund auf um. Milo hatte mit schweren Koliken zu kämpfen und schrie Tag und Nacht. Da mein Schwiegersohn keine Elternzeit nehmen konnte, kümmerte sich meine Tochter Tag und Nacht um das Schreibaby. Das brachte sie schnell an ihre Grenzen.

Um sie zu unterstützen, kam ich, nachdem ich Leon morgens in die Krippe gebracht hatte, gleich wieder zurück und nahm ihr für ein paar Stunden den kleinen Milo ab, damit sie wenigstens eine kurze Runde Schlaf bekommen konnte.

Vollzeit-Oma im Einsatz

Wer schon mal auf ein Schreibaby aufgepasst hat weiß, dass sich die Zeit ewig hinziehen kann. Es war kein Vergleich zu den ruhigen Stunden, die ich damals mit Leon verbracht hatte. Ich trug Milo durch die ganze Wohnung und später auch in der Trage draußen spazieren, damit er seine Mutter nicht gleich wieder wach schrie.

Am Nachmittag holte ich Leon dann aus der Krippe ab und ging mit ihm oft noch ein bis zwei Stunden auf den Spielplatz, damit sich meine Tochter in Ruhe – sofern das möglich war – um Milo kümmern konnte. Manchmal begleitete mich mein Mann, der stolze Opa, und wir nahmen auch Milo mit auf den Spielplatz, sodass meine Tochter ein paar Handgriffe im Haushalt erledigen konnte. Wenn wir nach Hause kamen, half ich noch, das Abendbrot vorzubereiten und ging dann selbst nach Hause. Ich muss ehrlich gestehen: Am Abend war ich richtig erschöpft. So hatte ich mir mein Leben als Oma nicht vorgestellt.

Ich helfe, auch wenn ich nicht mehr kann

In diesen Monaten gingen wir alle ganz schön auf dem Zahnfleisch. Umso erstaunter war ich, als sich nicht mal ein Jahr später bereits Enkelkind Nummer Drei ankündigte. Mein erster Gedanke war: „Wie will sie das schaffen?“

Doch ich wusste in diesem Moment bereits, dass sie fest davon ausging, dass ich ihr wieder einen Teil der Last abnehmen würde. Natürlich würde ich ihr wieder helfen, wo ich konnte. Was sollte ich sagen? Schließlich geht es um das Wohl meiner Kinder – und Enkelkinder.

Drittes Kind brachte Geldprobleme

Mit dem dritten Kind unterwegs, ergab sich dann noch ein weiteres Problem: Die Wohnung wurde zu klein. Eine deutlich größere Wohnung konnten sich meine Tochter und mein Schwiegersohn, der jetzt noch häufiger Überstunden absolvierte, allerdings nicht leisten. Aber sie fanden im Internet ein Haus, das sie kaufen wollten. Es lag ein paar Kilometer vom Stadtrand entfernt und war stark renovierungsbedürftig, sonst hätten sie es sich auch gar nicht leisten können.

Mein Mann, der handwerklich sehr begabt ist, bot an, sie bei der Sanierung zu unterstützen. Da er nun nach der Arbeit mit der Arbeit am neuen Haus beschäftigt war und meine Tochter vor der Geburt des nächsten Kindes noch ein paar Monate arbeiten ging, um das finanzielle Polster der Familie zu füllen, hütete ich mittlerweile beide Kinder nachmittags alleine – eine ziemliche Herausforderung.

Im Familienalltag fest eingespannt

Das dritte Enkelkind, Ben, war zum Glück viel ruhiger als Milo. Trotzdem war der Alltag mit drei Kindern alles andere als einfach. Insbesondere, da meine Tochter nach wenigen Monaten Elternzeit wieder arbeiten gehen musste, um das Haus abbezahlen zu können.

Mittlerweile sind sowohl ich als auch mein Mann im Familienalltag voll eingespannt und im Grunde unverzichtbar. Mein Mann bringt morgens Leon in die Schule, meine Tochter bringt die beiden Kleinen in den Kindergarten, geht arbeiten und holt sie wieder ab. Ich hole mit dem Fahrrad dann den Großen aus der Schule ab und koche bei ihnen das Mittagessen für alle. Vormittags versuche ich noch etwas bei ihnen aufzuräumen oder gehe einkaufen, weil meine Tochter das mit den kleinen Kindern nicht schafft.

Besonders schwierig ist es in den Wintermonaten, in denen fast jede Woche mindestens eines der Kinder krank ist – und ich sie dann alleine zu Hause betreue. In dieser Zeit komme ich selbst oft an meine Grenzen und merke, dass ich mit meinen 72 Jahren einfach zu alt bin, um mich um drei kleine Kinder zu kümmern. Und einen eigenen Haushalt habe ich schließlich auch noch.

Schlechtes Gewissen: Ich müsste mich mehr freuen

Vor ein paar Wochen kam dann die Hiobsbotschaft: Meine Tochter ist wieder schwanger. Das vierte Kind, wieder ein kleines Baby im Haus. Sie erzählte es mir nebenbei während sie die Spülmaschine ausräumte und ich die Malsachen für die Kinder aus dem Regal suchte. Dieser Moment hatte nichts mehr mit der Situation vor acht Jahren zu tun, als sie mir von ihrer ersten Schwangerschaft erzählte. Keine Aufregung, keine Freudentränen, keine großen Umarmungen, stattdessen große Erschöpfung – auf beiden Seiten.

Ich habe oft ein schlechtes Gewissen, dass ich mich nicht so sehr auf mein viertes Enkelkind freue, wie ich es vielleicht sollte. Ich liebe meine Enkelkinder und bin froh und dankbar, sie aufwachsen sehen zu können. Und ich werde auch Enkel Nummer Vier lieben, herzen und knuddeln. Aber manchmal frage ich mich, ob meine Tochter sich selbst, aber auch mir nicht zu viel zumutet. Vielleicht hätte ich schon vorher eine Grenze ziehen müssen, um ihr zu signalisieren: Ich kann nicht alles machen.

Doch zurückzutreten fällt mir schwer. Nicht nur, weil meine Tochter mich braucht, sondern weil ich es mir auch nicht vorstellen könnte, meine Enkel nicht jeden Tag zu sehen.

 

 

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